Akkuzug von Alstom kurz vor dem Einstieg

Den Batteriezug auf Barrierefreiheit getestet

Praxisbericht: Behindertenbeauftragter Bernhard Endres fuhr mit dem „Talent 3“ von Pleinfeld nach Gunzenhausen und zurück.

Flüsterleise, umweltfreundlich, auch barrierefrei?

PLEINFELD/GUNZENHAUSEN – Flüsterleise, umweltfreundlich und barrierefrei, mit diesen Attributen wirbt die Bahn für ihren neuen Batteriezug, der wochentags im Testbetrieb zwischen Stuttgart und Horb verkehrt und seit dem 2. Februar am Wochenende die Strecke Pleinfeld–Gunzenhausen bedient.
Höchste Zeit, um nach sechs Wochen den Prototyp namens „Talent 3 Bemu“ einem Praxistest zu unterziehen, für den sich der Pleinfelder Behindertenbeauftragte Bernhard Endres zur Verfügung gestellt hat. Der 61-Jährige sitzt seit einem Unfall vor fast vier Jahrzehnten im Rollstuhl und weiß aus eigener Erfahrung, dass Barrierefreiheit längst nicht überall gehalten wird, wo sie auch versprochen wird. Um es an dieser Stelle aber gleich vorwegzunehmen: Der „Talent 3“ der Firma Alstom schlägt sich im Barrierefreiheit-Test recht wacker . . .

Reibungsloser Einstieg

Der Einstieg in Pleinfeld klappt an diesem Samstagmorgen jedenfalls reibungslos: Nachdem Bernhard Endres mit dem Aufzug am Gleis vier angekommen ist, wo der Batteriezug bereits wartet, drückt er auf den automatischen Türöffner und rollt dann über einen circa zwei Zentimeter kleinen Spalt in den Zug. Der Pleinfelder Behindertenbeauftragte, der auch Mitglied der Fachteams Tourismus und Mobilität im Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) ist, scheint anfangs positiv überrascht.

Spaltüberbrückung vom Bahnstei zum Zug
Barrierefrei: Am Bahnsteig in Pleinfeld klafft nur eine kleine Lücke zwischen dem Zugeinstieg und dem Bahnsteig, der aber leicht überrollt werden kann.

Als er dann zu seinem Stellplatz rollen will, taucht allerdings das erste Problem auf, weil auf dem Weg dorthin eine zwölfprozentige Steigung zu überwinden ist. Die könnte der Querschnittgelähmte ohne fremde Hilfe oder seinen Swiss-Trac, ein batteriegetriebenes Zuggerät für Rollstühle, nie bewältigen.

„Viele Rollstuhlfahrer, die mit einem manuellen Rollstuhl unterwegs sind, würden hier schon scheitern“, weiß Endres. Und auch die Gefahr, dass sie beim Auffahren nach hinten kippen und aus dem Rolli fallen, sei durchaus gegeben. Zudem könnten Endres zufolge Rollstühle mit tiefem Fußbrett an der steilen Rampe hängen bleiben.

Nachdem er die Hürde gemeistert hat, rollt er gemütlich und sicher auf seinen Rollstuhl-Platz und genießt es, dass der Zug sich pünktlich um 9.18 Uhr sanft und ohne Ruckeln und völlig lautlos in Bewegung setzt.

Einer von 2 Rollstuhl - Stellplätzen im Talent 3 von Alstom
Einer von 2 Rollstuhl – Stellplätzen im Talent 3 von Alstom

16 Minuten dauert die Fahrt nach Gunzenhausen insgesamt. Für Endres, der den Zug auf Herz und Nieren prüfen will, bleibt also nicht viel Zeit, um sich auszuruhen, weshalb er sich sofort auf den Weg zur rollstuhlgerechten Toilette macht, die er trotz eingeschränkter Handfunktion alleine öffnen kann.

Kleine Schwelle

Hier gibt es nur eine kleine, rund zwei Zentimeter hohe Schwelle, in der die Schiebetür läuft. Für den Rollifahrer ist sie aber kein Problem: „ Ich kenne das von anderen Nahverkehrszügen, da ist sie bis zu fünf Zentimeter hoch.“ Was Endres eher skeptisch sieht: „Würde man auf der Toilette Hilfe benötigen, dann könnte es für die zweite Person sehr eng werden.“ Was er dagegen positiv bewertet: Die Tür lässt sich auch für ihn von innen problemlos verschließen, weil hier nicht ein runder Knauf verbaut ist, sondern ein Querriegel, der auch von Menschen ohne Fingerfunktion gut bedient werden kann.

Rollstuhlgerechte Toilette im AkkuzugTalent 3 von Alstom
Rollstuhlgerechte Toilette im Akkuzug Talent 3 von Alstom

Dafür fällt dem BSK-Mitglied noch ein weiterer Kritikpunkt ins Auge: Der Haltegriff neben dem Toilettensitz auf der rechten Seite, den man zum Übersetzen vom Rolli auf die Toilette braucht, sei nur für Leistungssportler zu benutzen. Für alle anderen sei die Anstrengung zu groß. Aber auch dieses Problem lasse sich aus Endres‘ Sicht leicht ändern.

Nur mit Rampe

Kurz bevor der Batteriezug lautlos in Gunzenhausen einrollt, macht sich Endres bereit zum Aussteigen, was in der Altmühlstadt nur mit einer Rampe möglich ist, die die Zugführerin extra anbauen muss, als der Zug schon steht. Nur so lässt sich der Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteig auf Gleis 1 überwinden. Die Zugführerin weiß zwar, wo die Rampe ist, mit der Montage hat aber auch sie anfänglich ein kleines Problem, weil sie das Hilfsmittel vorher noch nie alleine montiert hat.

Doch auch das gelingt ihr schließlich gut und Endres könnte, zumindest theoretisch, alleine auf den Bahnsteig rollen – wenn die Rampe mit gemessenen zwölf Prozent Gefälle nicht viel zu steil wäre. „Ohne fremde Hilfe wäre das für mich eine echte Abschussrampe“, sagt der 61-Jährige und bittet seine Begleitperson den Rolli manuell zu bremsen. Als auch dieses Manöver unfallfrei absolviert ist, rollt er durch die Bahnhofshalle in den Zeitungskiosk und bestellt sich einen Milchkaffee, für den er genügend Zeit hat, weil der Batteriezug erst wieder um 10.16 Uhr zurück nach Pleinfeld fährt.

Hoffen auf den Umbau

Endres‘ Zwischenfazit in Gunzenhausen fällt positiv aus: „ Man kann nur hoffen, dass der Gunzenhausener Bahnhof auch endlich barrierefrei umgebaut wird.“ Mit dem neuen Batteriezug ist der Behindertenbeauftragte insgesamt zufrieden. Daran wird auch die Rückfahrt nach Pleinfeld nichts ändern, die vorbei an grünen Wiesen und Feldern, dem Bahnhof Langlau und Ramsberg pünktlich um 10.33 Uhr in Pleinfeld endet.

Text und Fotos MARKUS STEINER

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