Breite, ebene Wege führen Rollstuhlfahrer zu den Molenfeuern in Warnemünde. Foto: TMV/Thomas Ulrich Erfurt, 7. September 2020 (tpr) –

Meeresluft, Architektur und Geschichte: Barrierefreie Städtereisen im Herbst

Mittelalterliche Stadtkerne sind hübsch anzuschauen, aber mit ihren engen Gassen und Stufen für Rollstuhlfahrer meist ein Härtetest. Wie auch historische Innenstädte für alle entspannt erlebbar werden, zeigen Rostock, Erfurt und Magdeburg. Die drei Orte sind als Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Leichter Reisen nationale Vorreiter im barrierefreien Tourismus. Mit rollstuhlgerechten Führungen und zugänglichen Ausstellungen laden sie zur Stadterkundung im Herbst ein.

Hanseatisches Flair in Rostock

Ein Rathaus mit sieben Türmen, gotische Kirchen, Märkte in Hafennähe und stolze Kaufmannshäuser prägen die über 800 Jahre alte Hanse- und Universitätsstadt Rostock. Sie erzählen von der Zeit als Rostock eine der reichsten und fortschrittlichsten Metropolen im Hansebund war und Kaufleute Bier und Fisch in Massen über die Ostsee verschifften. Bei einer barrierefreien Stadtführung durch Rostocks historisches, ebenmäßig gepflastertes Zentrum erfahren Gäste im Rollstuhl mehr über diese Zeit. Den besten Überblick über Rostock bietet die Aussichtsplattform der Petrikirche, die über einen Fahrstuhl auch für Rollstuhlfahrer erreichbar ist.

Wer Ostseeluft schnuppern möchte, kann dies in Rostocks Seebad Warnemünde. Die Promenade rund um den Leuchtturm und die Mole sind auf breiten gepflasterten Wegen berollbar. Die Mole führt rund 500 Meter auf die Ostsee und bietet den besten Blick auf die ein- und ausfahrenden Schiffe. Herrlich entspannen lässt es sich auch in einem der barrierefrei erreichbaren Strandkörbe am Strandaufgang Nummer 4.

Das kulturhistorische Museum Rostock im Kloster zum Heiligen Kreuz, einem um 1270 gegründeten Zisterzienserkloster, beherbergt eine sehenswerte kunst- und kulturgeschichtliche Sammlung, die von Alltagskultur über Malerei und Grafik bis hin zu Archäologie reicht. Rollstuhlfahrer gelangen über Fahrstühle in die Ausstellungen. Das Heimatmuseum Warnemünde, das über eine mobile Rampe zugänglich ist, beleuchtet das Leben von Seefahrern, Fischern und Lotsen.

Veranstaltungstipps: Vom 1. bis 4. Oktober erinnern die „Stephan-Jantzen-Tage“ mit Lesungen, Schiffsbesichtigungen und Konzerten an den berühmten Warnemünder Lotsenkapitän. Auf dem „Martinsmarkt“ vor der Nikolaikirche präsentieren vom 15. bis 17. Oktober Kunsthandwerker ihre Arbeiten. Bei „Kultur trifft Genuss“ am 14. November bieten Künstler in den Restaurants der Stadt ein abwechslungsreiches Musik- und Theaterprogramm.

 

Erfurt: Die Stadt der kurzen Wege

Reiche Patrizierbauten, schmucke Fachwerkhäuser, die berühmte Krämerbrücke und ein imposanter Dom: Erfurts historische Altstadt ist ein Bilderbuch der deutschen Geschichte. Über 1275 Jahre ist Thüringens Hauptstadt alt und seit einem Jahr nach Reisen für Alle zertifizierter barrierefreier Tourismusort. Bei der Altstadtführung „Die Leichte“ lernen Gäste mit Mobilitätseinschränkungen die Sehenswürdigkeiten der Stadt auf einem gemütlichen, ebenerdigen Rundgang kennen. Denn Erfurt ist auch die Stadt der kurzen Wege. Noch bequemer ist die „Erfurt-Tour“ mit der historischen Straßenbahn.

Für Menschen mit Hörbehinderungen steht in der Erfurt Tourist Information ein Videoguide in Deutscher Gebärdensprache zur Verfügung. Menschen mit Sehbehinderungen können einen Stadtführer in Braille-Schrift ausleihen.

Über die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Mittelalter berichtet die nach Reisen für Alle zertifizierte Alte Synagoge. Sie ist die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge Mitteleuropas. Das Museum beherbergt auch den „Erfurter Schatz“, eine Sammlung von Silbermünzen, Geschirr, Goldschmiedearbeiten und einem einzigartigen jüdischen Hochzeitsring. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Schatz während des Pogroms 1349 vergraben.

Veranstaltungstipps: Noch bis 18. Oktober präsentiert die nach Reisen für Alle zertifizierte Kunsthalle Erfurt unter anderem über 100 Werke der Fotografin Lee Miller, die ab 1944 amerikanische Truppen begleitete. Das barrierefreie Theater Erfurt zeigt im Oktober die Musiktheater-Collage „Drunter und Drüber“, ein ironisch-szenischer Rückblick auf die Zeit des Lockdowns.

Auf Ottos Spuren in Magdeburg

Magdeburg steht im Zeichen zweier berühmter Persönlichkeiten mit dem gleichen Vornamen: Otto I., der sich vom Papst zum Kaiser krönen ließ, erhob Magdeburg im 10. Jahrhundert zum führenden Herrschaftszentrum in Europa. Der Diplomat und Naturwissenschaftler Otto von Guericke schenkte der Stadt mit seinen wissenschaftlichen Experimenten Ruhm und baute sie nach dem Dreißigjährigen Krieg als Bürgermeister wieder auf.

Auf die Spuren der großen Ottos begeben sich Besucher beim täglichen Stadtrundgang, der für Rollstuhlfahrer geeignet ist. Für Menschen mit Hörbehinderungen bietet die Tourist-Information ein Tourguide System an. Alternative Stadttouren ermöglichen die rollstuhlgerechten Fahrten mit dem roten Doppeldeckerbus oder mit der Weißen Flotte auf der Elbe zum Wasserstraßenkreuz.

Wahrzeichen der Stadt ist der Dom St. Mauritius und Katharina, der erste gotisch konzipierte Bau einer Kathedrale auf deutschem Boden. Den Vorgängerbau ließ Otto der Große einst errichten. Im Chorraum kann das über 1000 Jahre alte Grab des Herrschers besichtigt werden. Ein neuer ebenerdiger Eingang ermöglicht Rollifahrern den Zugang.

Das stufenlos zugängliche Dommuseum Ottonianum beleuchtet Magdeburgs Geschichte als Kaiserstadt und europäische Metropole. Zu den kostbarsten Objekten gehört der Bleisarg der Königin Editha sowie antike Bauteile der ottonischen Bauten am Domplatz.

Veranstaltungstipp: Vom 2. bis 4. Oktober feiert Magdeburg das mittelalterliche Kaiser-Otto-Fest.

Weitere barrierefreie Sehenswürdigkeiten stellt die Arbeitsgemeinschaft Leichter Reisen auf ihrer Webseite vor: www.leichter-reisen.info. ■

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